Musik und Beat als Halt in der Tiefe

Wenn Musik Tiefe trägt

Oder die Frage, muss Yoga wirklich immer dazu führen, dass wir ALLES fühlen?

 

In vielen Yogakreisen gilt „fell it all“ als Ideal, das immer wieder hochgehalten wird und sich wie ein roter Faden durch die Kurse zieht. Es heißt, Gefühle zulassen, nichts verdrängen, alles fühlen und nur beobachten.

Doch zwischen "Ich fühle alles" und "Ich werde von allem überrollt" liegt ein riesiger Unterschied.

Und genau diesem Unterschied möchte ich hier nachgehen:

 
 

Zwischen Fühlen und Überwältigung

Anlass war ein IG Post eines befreundeten Yogalehrers. Er sagt darin, dass je erfahrener wir in unserer Yogapraxis werden, desto mehr sind wir in der Lage uns von den physischen Sensationen in unserem Körper zu distanzieren, während wir zugleich alles fühlen.

Wie gesagt, dieses "feel it all" ist etwas, das mich "triggert"…

Nicht jede, die körperlich fähig ist, dem Unterricht zu folgen, ist auch mental gefestigt genug, sich von dem Gefühlschaos, das manchmal durch die Praxis nach oben kommt, zu distanzieren und es nur interessiert zu beobachten. Das erfordert viel Training und enorme mentale Stärke - über die nicht alle verfügen, automatisch, weil sie Yoga machen.

In der Psychologie wird das Containment genannt.

 

Was Containment eigentlich bedeutet

Containment beschreibt die Fähigkeit, starke innere Erfahrungen mental und emotional halten zu können, ohne von ihnen überwältigt zu werden.

Das ist etwas, das wir im Laufe unseres Lebens entwickeln, ein wichtiger Teil also unseres menschlichen Reifeprozesses. Ein kleines Kind kann das zunächst noch nicht.

Wenn ein Baby Angst, Schmerz oder Überforderung erlebt, braucht es jemanden, der diese Erfahrung mitträgt. Es muss gehalten und beruhigt werden, sodass es sich regulieren kann. (Nicht zuletzt durch Schaukelbewegungen, die wir in gewissem Maße im Sequencing eines von einer Asana zur nächsten pendelnden Flows imitieren.) Und selbst das ist etwas, das von außen kommen muss. Die Mutter muss ihm sagen, dass alles gut ist.

Seine Emotionen verschwinden dadurch nicht, aber sie werden erträglicher. Die Erfahrung, die das Kind hier macht, ist: "Das ist viel, aber ich muss es nicht alleine tragen."

Mit der Zeit und zunehmender menschlichen Reife entwickeln wir diese Fähigkeit selbst. Wir spüren Angst, ohne in Panik zu geraten, fühlen Trauer, ohne davon verschluckt zu werden und nehmen Wut wahr, ohne von ihr beherrscht zu werden. Doch selbst das ist ein Zustand, den wir nicht immer halten können und den auch nicht jeder Mensch tatsächlich erreicht.

Doch im Grunde ist das Ziel [vor allem im Yoga]: Wir fühlen unsere Emotionen, aber wir werden nicht mehr von allem überwältigt: Svadhyaya.

 
 

Musik als externer Container

Was ich nun über Jahre mit Vinyasa on Beat beobachtet habe, ist, dass es dieses Dilemma, von dem ich eingangs gesprochen habe, ein großes Stückweit löst. Denn durch die Musik erfahren wir Trost, der das Nervensystem entspannt und dadurch eine innere Distanz eher ermöglicht. Musik kommt gewissermaßen als eine Art externer Container ins Spiel.

Musik und Beat gemeinsam übernehmen buchstäblich einen Teil der inneren Arbeit und machen sie dadurch leichter - sie nehmen der Intensität ihre Schärfe. Das heißt, Emotionen sind weiterhin da, aber Musik hilft dabei, sie zu tragen.

Das bedeutet, dass selbst in kathartischen Flows Musik durch sehr herausfordernde Posen und Übergänge trägt, und somit einen Teil dessen abnimmt, was man durch mentale Stärke allein tragen müsste, würde man off beat und ohne Musik praktizieren.

Die Gleichmäßigkeit des Rhythmus gibt Struktur und Orientierung und vermittelt darüber das Gefühl, nicht allein zu sein mit der eigenen Erfahrung.

Dadurch entsteht möglicherweise genau das, was in manchen Yogastunden fehlt: genug Sicherheit, damit Gefühle auftauchen dürfen, ohne die Person zu überwältigen.

 

Das Missverständnis von Tiefe

Leider habe ich schon viel zu oft das Gegenteil erlebt: Menschen - auch ich – weinen hemmungslos in Savasana. Übermannt von ihren Emotionen, unfähig, sich selbst zu halten oder gar zu regulieren. Von vielen YogalehrerInnen wird das als "normal" eingestuft und die Betroffenen werden in der Regel einfach ignoriert (wie gesagt, ich habe das schon oft erlebt). Es wird getan, als sei das ein notwendiger Schritt zur inneren Reinigung und Klarheit – mit anderen Worten zur Transformation.

Was ich mich jedoch frage, ist, warum emotionale Überwältigung im Yoga eigentlich so oft als Zeichen von Tiefe verstanden wird.

Es gilt die Annahme: Jemand weint, also muss etwas Tiefes passiert sein. Dabei könnte genauso gut Folgendes wahr sein:

  • Das Nervensystem war überfordert.

  • Die Praxis war nicht ausreichend eingebettet.

  • Die Person wurde mit etwas konfrontiert, das sie in diesem Moment nicht halten konnte.

Das ist doch etwas völlig anderes als Transformation!

Ja, wenn Gefühle hochkommen, ist das gut. Wir brauchen einen Raum, in dem wir überhaupt fühlen können, was wir im Alltag oft über Jahre verdrängen. Das ist richtig, aber eben nicht immer.

Wer hält denn die Erfahrung, wenn eine Teilnehmerin plötzlich mit Trauer, Erinnerungen, Einsamkeit, Scham oder Überforderung konfrontiert wird? Nicht selten sind es andere TeilnehmerInnen…

Wenn das Einzige, was wir als LehrerInnen den Betroffenen dann anbieten, ist, "Beobachte es einfach", kann das traumatische Zustände auslösen. Und ich halte das wirklich für fahrlässig.
Denn eine derartige – oft überraschende – Intensität halten zu können, setzt bereits ein hohes Maß an innerem Containment voraus, über das eben nicht jeder Mensch in jeder gegebenen Situation verfügt.

Tiefe heißt doch nicht nur, alles zu fühlen, sondern viel eher, das fühlen zu können, was da ist, ohne die Verbindung zu sich selbst zu verlieren. Und genau das ist bei vielen Menschen nicht automatisch vorhanden, nur weil sie körperlich fortgeschrittenes Yoga praktizieren.

 
 

Musik und Beat als Halt in der Tiefe

Doch es geht auch anders: Bei ON BEAT Stunden kommt es viel seltener vor, dass Menschen weinen - und wenn, dann aus Dankbarkeit, aber nicht aus Überwältigung. Sie fühlen in Savasana eher eine tief gehende innere Ruhe.

Versteh mich bitte richtig: Es geht nicht darum, Gefühle wegzumachen, klein zu reden oder zu unterdrücken, sondern sie in einem Rahmen zu erleben, der groß genug ist, um sie auch allein halten zu können. Mir geht es dabei nicht zuletzt um die Würde einer Person, die dies erlebt.

Denn wie oft kommen denn Menschen an den Ort zurück, an dem sie das Gefühl hatten, ihre Würde verloren zu haben? Angst davor haben zu müssen, nicht nur von den eigenen Gefühlen übermannt zu werden, sich in einer Situation des Verlusts der eigenen Würde zu erleben und zugleich die Scham angesichts eines solchen öffentlichen Moments der eigenen Schwäche ist sicherlich keine gute Basis für eine erfüllende, das Leben begleitende Praxis.

Wenn ich behaupte, Musik und Beat würden einen Teil der inneren Arbeit übernehmen, würde das vermutlich viele klassische YogalehrerInnen irritieren.

Aber wer es erlebt hat, weiß, Musik kann unfassbar viel Trost, Halt oder Weite zugleich vermitteln; und die Gleichmäßigkeit des Beats schafft eine Vorhersagbarkeit, die ein Stückweit vor Überrumpelung schützt.

Beides zusammen gibt Raum und Orientierung, wodurch Teilnehmerinnen nicht jede Sekunde der Stunde ausschließlich aus ihrer eigenen psychischen Stabilität heraus tragen müssen. Es entsteht eine Art zusätzliche Struktur.

Die Musik verhindert also nicht Gefühle – ganz im Gegenteil, sie befördert sie sogar, aber sie hilft dabei, sie zu tragen.

Das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge.

Meiner Erfahrung nach ermöglicht Musik eine Tiefe, die sicher genug ist, um erlebt werden zu können.
Und vielleicht liegt genau dort eine Form von Tiefe, die im Yoga oft fehlt:

Nicht alles fühlen müssen, sondern sich sicher genug fühlen, um sich fühlen erlauben zu können.

Das ist für mich ein großer Unterschied.

Denn die Frage ist nicht, wie tief komme ich, sondern vor allem, wie begleitet bin ich auf diesem Weg?