Vinyasa on Beat: Warum Musik mehr ist als Begleitung im Yoga

Was geschieht, wenn Selbstausdruck zur täglichen Praxis wird?

Vinyasa on Beat: Warum ein kleiner Unterschied alles verändert

Vinyasa on Beat ist ein Begriff, den viele nicht richtig fassen können. Dabei ist es in der Praxis im Grunde nicht so revolutionär. Wir fügen ja lediglich den Takt der Musik zu dem hinzu, was wir bisher gemacht haben.

Doch dieses kleine Detail verändert alles.

Vor allem dann, wenn Musik für Dich mehr ist als Beschallung. Wenn Musik Dich mitnimmt, Dich durchdringt. Wenn ein bestimmter Rhythmus oder eine Melodie etwas in Dir auslösen.

Der Takt macht etwas Erstaunliches: Er gibt Halt.

Du musst nicht mehr jede Bewegung kontrollieren, nicht mehr alles selbst organisieren und nicht mehr ständig entscheiden, wann Du was ausführen sollst.

[Zu meinem ergänzenden Beitrag: Musik und Beat als Halt in der Tiefe]

 

Der Rhythmus führt

Innerhalb dieses Halts wird etwas möglich, was viele zunächst gar nicht erwarten:
Selbstausdruck.

Menschen lesen jedoch "Selbstausdruck" und denken dabei daran, kreativer, individueller, mutiger zu sein oder etwas Neues zu lernen. Das ist jedoch nicht, was ich damit meine.

Alles, was wir machen, ist eine Form, uns auszudrücken:

·        Die Art, wie wir sprechen – nicht nur das Was

·        Unsere Art, uns zu kleiden

·        Die Art, wie wir unsere Wohnung einrichten

·        Wie wir uns schminken oder nicht

·        Womit wir uns gerne umgeben

All das sind Ausdrucksformen unserer inneren Wahrheit, unseres Selbst.

Wenn es um Selbstausdruck im Yoga geht, denken viele gleich an Show, Performance oder etwas, das wir bewusst einsetzen.

Doch was, wenn alles eine Form des Selbstausdrucks ist?

Das, was Du bewusst wählst und das was Du intuitiv machst.

Wenn wir Selbstausdruck als etwas begreifen, das widerspiegelt, wer wir sind, und zwar auf vielen ganz unterschiedlichen Ebenen, dann verliert er womöglich etwas von der Vorstellung, etwas neu oder anders machen zu müssen.

 

Wir drücken uns ständig aus

Wir drücken uns aus. Punkt.

Wir können uns eigentlich gar nicht nicht ausdrücken. Unser Wesen und was davon nach außen durchscheint, ist immer da. Was also, wenn Selbstausdruck in Zukunft nichts mehr ist, worauf Du Dich bewusst konzentrieren musst, sondern etwas, das Dir stattdessen bewusst werden muss.

Und sobald wir uns etwas bewusst machen, können wir daraus eine Praxis erschaffen. Etwas, das wir kultivieren können.

Der Schritt, das, was und wer Du im Inneren bist, auf Deine Matte und in Deine Praxis zu übertragen, ist dann nur noch ein kleiner – und vor allem eine logische Konsequenz.

 

Vielleicht liegt die eigentliche Frage gar nicht darin, wie Du Dich ausdrücken kannst, sondern darin, wo Du Dich zurückhältst. Wo Deine Bewegung eigentlich etwas größer werden möchte, wo Dein Körper mehr Zeit bräuchte, um eine Bewegung nicht nur auszuführen, sondern sie zu verkörpern und zu fühlen. Oder wo eine Kopfbewegung ganz natürlich kommen möchte, die Du sofort wieder stoppst.

Im Safe Space Deiner Praxis auf Deiner Matte kannst Du spüren, welche Anteile von Dir sich gerne mehr ausdrücken würden, sodass Du Dich in größerer Harmonie mit Dir befindest.

Das ist genauso wie Dein Kleidungsstil. Wenn er Dir nicht entspricht, fühlst Du Dich verkleidet.

Doch manchmal passiert auch das Umgekehrte: Wir „verkleiden“ uns, um uns nicht zeigen zu müssen, um nicht aufzufallen oder gar anzuecken. Und dabei ist die ganze Zeit ein unbefriedigtes Bedürfnis nach Selbstausdruck im Inneren verborgen.

Das geht eine Weile gut. Doch früher oder später können wir uns einfach nicht mehr belügen. Es entstehen innere Spannungen. Wir leben in einem inneren Konflikt zwischen dem, was wir uns erlauben, und dem, wer wir eigentlich sind.

 

Yogamatte als Raum für Authentizität

Übertrag das mal auf Deine Matte. Wo wenn nicht da hast Du den Raum, ganz Du selbst zu sein – genau so wie Du bist. Selbstausdruck ist in Deiner Praxis überhaupt keine Frage – er ist einfach da.

In der Art, wie Du Deinen Arm kreist, Deinen Kopf hältst, Dein Bein streckst. Wie Du Bewegungen verzögerst oder beschleunigst. Wie Du Deine Atmung nutzt, um eine Bewegung zu starten oder eine Pose zu vollenden. Wie viel Hingabe Du in eine Sequenz gibst.

Jedes Detail Deiner Bewegung ist Teil Deines Selbstausdrucks. Das mag Dir nicht bewusst sein, doch andere können das sehen.

Oder hast Du nicht schon mal Menschen allein an ihrem Gang erkannt?

Was wenn Selbstausdruck eine tägliche Praxis würde?

Es würde schleichend beginnen, indem Du eine kleine Kopfdrehung nicht mehr zurückhältst, die ganz automatisch kommen möchte. Du lässt Dir mehr Zeit für Armbewegungen und Beinschwünge – nicht nur weil Deine Bewegung dadurch schöner aussieht, sondern weil es aus Dir selbst so zum Ausdruck kommen möchte.
Im Grunde hat das weniger mit aktivem Ausdruck zu tun als mit dem Weglassen von Kontrolle. Und zwar der Kontrolle darüber, dass Du Dir etwas nicht erlaubst. Wo etwas in Dir sichtbar werden möchte, dem Du keinen Raum gibst.

 

Doch mit jedem Detail, das Du Dir mehr erlaubst, echt zu sein und ehrlich zu Dir, verändert sich etwas in Deiner Psyche:

Du bekommst mehr Mut, zu Dir zu stehen genauso, wie Du bist. Plötzlich erkennst Du, dass Du gut bist so - und es schon immer warst.

Du bemerkst vielleicht, dass Du weniger Energie darauf verwendest, Dich anzupassen; dass Du Entscheidungen triffst, die besser zu Dir passen; dass es leichter wird, Deinen eigenen Vorlieben zu vertrauen.

Du spürst vielleicht einen inneren Frieden, der Dich zunehmend unabhängig von der Meinung anderer macht.

 

Freiheit entsteht durch Struktur

Um auf unser Beispiel mit der Kleidung zurückzukommen. Auf andere magst Du verkleidet wirken, wenn Du Deinen eigenen Stil auslebst, doch für Dich selbst stimmt endlich das, was Du anhast mit dem überein, wer Du bist. Die Angst vor Be- oder Verurteilung wird Dir zunehmend egal. Denn Du hast etwas viel Kostbareres gefunden: Deine Authentizität.

Wenn Selbstausdruck eine tägliche Praxis wird, steigt Dein Anspruch dessen, was Du für Dich akzeptierst. Du verbiegst Dich weniger für andere oder für Situationen – und schon gar nicht für Momente, die nur Dir gehören.

Freiheit entsteht oft nicht durch das Fehlen von Struktur, sondern durch Struktur selbst.
Ein Musiker improvisiert nicht trotz des Taktes, sondern innerhalb des Taktes.
Eine Tänzerin bewegt sich nicht trotz der Musik frei, sondern weil die Musik ihr einen Rahmen gibt. Ein Gedicht wirkt nicht trotz seiner Form, sondern innerhalb seiner Form.

 

Was geschieht, wenn Selbstausdruck zur täglichen Praxis wird?

Und vielleicht gilt genau das auch für Vinyasa on Beat.

Der Takt ist fest. Der Beat läuft weiter. Die Musik hält den Raum.

Und genau dadurch müssen Menschen weniger kontrollieren - weniger entscheiden - weniger überlegen - weniger planen.
Der Rhythmus übernimmt einen Teil dieser Arbeit und dadurch entsteht Kapazität für etwas anderes: Selbstausdruck.

Nicht über Nacht, sondern schrittweise.

Das ist kein Hokuspokus und auch kein esoterisches Gerede. Das eigentlich Besondere ist nicht einmal die Sache mit dem Selbstausdruck. Das eigentlich Besondere ist die Rolle der Musik als Verstärker von Selbstausdruck.

Deshalb ist Vinyasa on Beat auch keine Methode, um Dich auszudrücken.

Es schafft einen Rahmen, in dem Du aufhören kannst, Dich ständig zurückzuhalten.